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Wenn Zugvögel den Takt angeben

Brücken und Überführungen sind die optisch markantesten Bauwerke auf der Stadtautobahn. Auf was bei ihrer Sanierung geachtet werden muss und welche Rolle dabei Alpensegler spielen, erklärt uns die Bauingenieurin und Fachfrau für Kunstbauten Sarah Bitterli im Interview.

«Wer rechtzeitig saniert, kann die Lebensdauer eines Bauwerks deutlich verlängern»

Frau Bitterli, warum ist die Sanierung der Brücken notwendig?

Viele der Brücken sind Jahrzehnte alt und wurden ursprünglich für geringere Verkehrslasten ausgelegt, als wir sie heute haben. Die zunehmende Belastung durch Fahrzeuge und die ständige Beanspruchung durch Umwelteinflüsse machen eine Sanierung notwendig.

 Wie wird entschieden, ob eine Brücke saniert oder neu gebaut wird?

Das hängt von vielen Faktoren ab. Der Zustand der Bausubstanz, die Aufrechterhaltung des Verkehrsflusses während der Bauphase und künftige Nutzungsanforderungen spielen eine zentrale Rolle. Wenn eine Sanierung mit vertretbarem Aufwand möglich ist, wird sie meistens bevorzugt – sie ist meist ressourcenschonender und umweltfreundlicher. Doch wenn grössere Anpassungen nötig sind, führt manchmal kein Weg an einem Neubau vorbei. Es sind aber auch Mischformen möglich, so kann z.B. eine bestehende Brücke unter Umständen verbreitert werden, damit sie die neuen Nutzungsanforderungen wieder erfüllt.

Wie lange ist die Lebensdauer einer Brücke?

Die Tragstruktur einer Brücke soll laut Norm auf eine Nutzungsdauer von mindestens 100 Jahren ausgelegt werden. Neben der Tragstruktur gibt es aber auch Verschleissteile wie Beläge oder Einbauteile, welche bereits nach 25 bis 40 Jahren erneuert werden müssen. Entscheidend ist regelmässige Wartung – wer rechtzeitig saniert, kann die Lebensdauer eines Bauwerks deutlich verlängern.

Welche Herausforderungen stellen sich auf der Stadtautobahn? 

Das Sanieren von Brücken auf einer vielbefahrenen Autobahn ist eine logistische Meisterleistung. Ziel ist es, den Verkehr möglichst wenig zu beeinträchtigen, während gleichzeitig aufwendige Bauarbeiten durchgeführt werden, die viel Platz bedürfen. Vor allem komplette Sperrungen der Autobahn gilt es so weit möglich zu vermeiden. Da darauf aber nicht vollständig verzichtet werden kann, werden solche Sperrungen oft nachts durchgeführt, wenn das Verkehrsaufkommen am kleinsten ist.

Eine aussergewöhnliche Situation war die Sanierung des Sitterviadukts, in dessen Hohlkästen mittlerweile die grösste Alpenseglerkolonie nördlich der Alpen heimisch ist. Die Alpensegler nutzen die Brücke als Nistplatz. Da sich die Vögel in der Zwischenzeit hier wohl fühlen, haben wir im Zuge der Sanierung bauliche Massnahmen vorgenommen und die Nistmöglichkeiten und Einflugsöffnungen erweitert sowie weitere Massnahmen getroffen, um gefährliche Fallen in diesem Lebensraum zu entfernen. Eine weitere Herausforderung war, die Brücke innwendig im Zeitfenster zu sanieren, in dem die Alpensegler in Afrika überwintern.

Woraus sind die meisten Brücken gebaut?

Die ältesten heute noch vorhandenen Brücken sind aus Naturstein errichtet worden. Damit wurden Bogenkonstruktionen realisiert, die sehr robust, allerdings von der Spannweite her begrenzt waren. Als Folge der Industrialisierung waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Europa Wissen und Fertigungstechnik im Stahlbau weit fortgeschritten. Da man in diesem Zeitraum in der Schweiz die grossen Eisenbahnstrecken erbaute, wurden viele der grösseren Bahnbrücken aus Stahl ausgebildet. Besonders Fachwerke waren für grössere Spannweiten weit verbreitet und bestehen oftmals heute noch. Stahlbeton kam im Brückenbau in der Schweiz in den 20er-Jahren auf und die ersten Spannbetonbrücken datieren aus den späten 50-er Jahren – auch wenn die Erfindung der beiden Materialien jeweils deutlich länger zurück liegt. Die Schweiz begann in den 50er Jahren mit dem Autobahnbau und verwendete daher für Strassen und Brücken vermehrt Stahl- und Spannbeton.

 Wo liegt der Unterschied zwischen einer Brücke und einer Überführung? 

Der Unterschied liegt in der Perspektive des Infrastrukturbetreibers. Mittels einer Brücke überquert die betrachtete Infrastruktur, hier also die Autobahn, ein Hindernis, beispielsweise ein Tal oder einen Fluss. Ebenfalls aus der Perspektive der Autobahn betrachtet gilt alles als Überführung, was einem anderen Verkehrsweg die Überquerung der Autobahn ermöglicht, wie einer untergeordneten Strasse, der Bahn oder auch einem Wildtierkorridor. Entscheidend ist, welche Infrastruktur als Bezugsebene dient. Vom Bauwerk her sind Brücken und Überführungen aber dasselbe.

Zur Person

Sarah Bitterli
MSc Bau-Ing. ETH/SIA
Projektleiterin, Bauleiterin
Gruner AG / Infrastruktur Ostschweiz

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